Die Zukunft des Impfpasses ist elektronisch

Wer mit der Platzwunde in der Notaufnahme, mit Kinderwunsch beim Gynäkologen oder mit verdächtigen Symptomen in einer Arztpraxis aufkreuzt, wird früher oder später gefragt, ob die notwendigen Impfungen aktuell sind. Wann war nur die letzte Tetanus-Impfung? Hatten Sie die Röteln (oder waren es vielleicht die Ringelröteln?) oder wurden Sie geimpft?

Mann hält Smartphone

Puh… keine Ahnung. Zwischen 15 und 17 Impfungen gegen unterschiedliche Krankheiten werden für Säuglinge, Kinder und Jugendliche von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlen. Von einigen Impfstoffen muss man mehrere bekommen, um die Grundimmunisierung aufzubauen, und regelmäßige Auffrischungen (z.B. Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten. Von anderen, wie der Grippe-Impfung, braucht es jährlich eine Injektion. Viele Impfungen erfolgen im Baby- und Kindesalter (z.B. Rotaviren, Masern, Meningokokken, andere werden erst später im Leben (wieder) relevant (z.B. Pneumokokken, Herpes zoster. Dass man da den Überblick verlieren kann, ist verständlich.

Der Impfpass ist das wichtige und offizielle Dokument, in dem alle Impfungen im Laufe eines Lebens vermerkt werden. Doch während man auf seinen Personalausweis recht gut aufpasst, wird der Impfpass häufig eher stiefmütterlich behandelt. Jeder 4. weiß nach Untersuchungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) nicht, wo sein Impfpass liegt, hat keinen oder hat ihn verloren.

Aufwand und Kosten durch verlorene Impfpässe

Bleibt ein Impfpass verschwunden, musste in der Vergangenheit ein neuer Papier-Impfpass beim Hausarzt ausgestellt werden. Auch die Impfungen mussten möglichst vollständig nachgetragen werden. Wurden die Impfungen bislang beim Hausarzt durchgeführt, so hatte dieser die Informationen in der Patientenakte. Wurde der Arzt gewechselt oder Impfungen bei mehreren Ärzten erhalten, war das entsprechend komplizierter. Der behandelnde Arzt musste bei seinen Vorgängern die Daten erfragen und nachtragen. Der Verlust des Impfpasses war aber nicht nur mit eigenem Aufwand verbunden, er kostete die Krankenkassen auch viel Geld. Da eine Impfung nur als erhalten gilt, wenn sie auch im Impfpass dokumentiert ist, müssen Impfungen, für die es keinen Nachweis gibt, erneut verabreicht werden. Das verursacht für die gesetzlichen Krankenkassen unnötige Kosten.

Digitaler Impfpass – diese Vorteile hat er

Wäre ein digitaler Impfpass die Lösung? Ein elektronisch gespeichertes Dokument, das an sicherer Stelle hinterlegt ist und nicht verloren gehen kann? Davon gehen Ärzte, Politiker und Krankenkassen gleichermaßen aus. Die Vorteile liegen auf der Hand. Der Impfpass, und damit die Information über die Impfvergangenheit einer Person, könnte nicht mehr verloren gehen. Unnötige Impfungen, die wegen der fehlenden Dokumentation manchmal durchgeführt werden müssen, würden vermieden. Damit würden auch Kosten für die Krankenkassen gespart. Ein elektronischer Impfpass, oder eImpfpass, kann aber noch weitere Vorteile bieten. Der Patient könnte immer rechtzeitig daran erinnert werden, welche Impfungen anstehen. Dadurch würden die Impfungen häufiger im empfohlenen Zeitschema und Abstand durchgeführt und der Impferfolg würde möglicherweise weiter verbessert. Besonders für Menschen mit chronischen Erkrankungen können individuelle Impfempfehlungen und Impferinnerungen besser verwaltet werden. Dies gilt besonders vor dem Hintergrund, dass sich chronische Erkrankungen meist erst im Laufe des Lebens manifestieren, sich also auch der Bedarf an Schutzimpfungen im Laufe des Lebens ändert. Ein eImpfpass, der „mitdenkt“, indem Diagnose und STIKO-Empfehlung abgeglichen werden, könnte Ärzte und Patienten auf zusätzlich indizierte Impfungen hinweisen und so die Patientensicherheit verbessern. Zudem könnten viele Personen erreicht werden, die sich impfen lassen möchten, die die Auffrischimpfungen aber schlicht vergessen. Auch im Notfall könnten Ärzte anhand der in der elektronischen Patientenakte hinterlegten digitalen Impfdokumentation sofort nachvollziehen, ob der notwendige Impfschutz besteht. Ein bisher nicht diskutierter Aspekt ist der Schutz von Beschäftigten vor Infektionskrankheiten. Bisher wurden arbeitsschutzrechtlich notwendige Impfungen von Betriebsärzten durchgeführt. Inzwischen können diese Impfungen auch zu Lasten der GKV vom Hausarzt erbracht werden. Die Erfahrung zeigt aber, dass Hausärzte vielfach keine Kenntnis von der Infektionsgefährdung ihrer Patienten am Arbeitsplatz haben und daher notwendige Impfungen nicht anbieten. Durch den elektronischen Impfausweis könnten sich künftig Möglichkeiten ergeben, die richtige Versorgung von Beschäftigten auch dann sicherzustellen, wenn die Impfung nicht vom Betriebsarzt selbst vorgenommen wird.

eImpfpass in der Testphase

Erste Modellprojekte laufen bereits in Sachsen, Thüringen und Niedersachsen. Weitere Modellprojekte zum eImpfpass sind geplant. Entsprechende Gespräche der Verbände und gesetzlichen Krankenkassen sind im Gange. Dazu wurde eine digitale Infrastruktur entwickelt, die Ärzte über ihr Praxissystem ansteuern können. Die Nutzung des eImpfpasses erfolgt freiwillig. Die Impfinformationen im eImpfpass können mit Hilfe einer App vom Patienten eingesehen werden. Dazu geht der Patient mit seinem Smartphone zum Arzt und bittet darum, die Impfdaten in der elektronischen Patientenakte mit seinem Smartphone zu koppeln oder, wenn die ePA nicht genutzt wird, die Impfungen in die App zu übertragen und zu signieren. Nur mit einer Signatur des Arztes gilt eine Impfung als „erhalten“. Vom Patienten eingetragene, aber vom Arzt nicht bestätigte Impfungen gelten offiziell als nicht durchgeführt.

In App-Stores gibt es bereits jetzt (Stand: Juni 2020) Apps für das Smartphone, in denen die eigenen Daten aus dem gelben Impfpass hinterlegt werden können, und die einen über eine Erinnerungsfunktion an notwendige Impfungen erinnern. Die meisten dieser Apps erfüllen aber (noch) nicht alle vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Funktionen. Derzeit noch nicht abschließend entschieden ist, wann auf die Papierversion des Impfpasses vollständig verzichtet werden kann.

Reisen mit dem (e)Impfpass

Für die Einreise in bestimmte Länder sind einige Impfungen vorgeschrieben. Dann muss an der Grenze neben dem Reisepass auch der Impfpass vorgelegt werden – in Zukunft in digitaler Form. Im Moment ist das Mitführen des gelben Impfpasses immer dann noch unbedingt notwendig, wenn eine Gelbfieberimpfung vorgeschrieben ist. Diese erfolgt nur durch zertifizierte Gelbfieberstellen und muss im Impfpass mit einem besonderen Siegel versehen werden. Auch in der digitalen Form wird es über kurz oder lang ein digitales Gelbfiebersiegel geben. Wie Grenzbeamte bei der Einreise mit dem digitalen Impfpass kontrollieren können, ob die Gelbfieberimpfung wie vorgeschrieben erfolgt ist, muss noch festgelegt werden. Die GZIM (Gesellschaft zur Förderung der Impfmedizin mbH) hat dazu bereits Vorschläge an die Weltgesundheitsorganisation unterbreitet. Bis zur Umsetzung und internationalen Vereinheitlichung muss aber der gelbe Impfausweis auf Reisen mitgeführt und aktualisiert werden.


NP-DE-VX-WCNT-200046, Sep20