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Masernvirus löscht das Immungedächtnis aus

Das Masernvirus löscht die Erinnerungsfunktion des Immunsystems an andere durchgemachte Krankheiten für mehrere Jahre aus. Infektionen mit anderen Krankheitserregern können schwerer verlaufen. Eine Masernimpfung kann das verhindern.



Eine Impfung schützt gegen eine bestimmte Erkrankung. Das erscheint logisch und selbstverständlich. Doch neuere Untersuchungen über die Masernimpfung kommen zu erstaunlichen Ergebnissen.

Als in den 1960er Jahren in den USA die Masernimpfung eingeführt wurde, sank die Zahl der Masernfälle bei Kindern deutlich. Das ist nicht weiter überraschend, sondern nur eine Bestätigung, dass die Impfung ihren Zweck erfüllt. Interessanterweise wurde aber beobachtet, dass in der Folgezeit auch die Anzahl der Todesfälle aufgrund von anderen Infektionskrankheiten bei Kindern sanken. Beispielsweise ging nach der Einführung der Masernimpfung die Zahl der Todesfälle durch Lungenentzündungen oder Durchfallerkrankungen bei Kindern um etwa die Hälfte zurück.

Auch in anderen Ländern wurde bei der Einführung der Masernimpfung das gleiche Phänomen beobachtet. Wenn die Masernimpfung heutzutage in einem Entwicklungsland neu angewendet wird, stellt man ähnliches fest.

Auf Masernfälle folgen Todesfälle durch andere Infektionskrankheiten

Bisher war es ein Rätsel, warum und wie die Kindersterblichkeit an unterschiedlichen Infektionskrankheiten sinkt, wenn gegen Masern geimpft wird. Forscher aus den USA haben dieses Rätsel untersucht und haben eine mögliche Erklärung gefunden. Die Hypothese ist kürzlich in einer der bedeutendsten Wissenschaftszeitschriften, der Zeitschrift Science, veröffentlicht worden.

Die Forschen haben sich epidemiologische Daten, also Daten über die Krankheits- und Todesfälle und die Impfquoten in der Bevölkerung, aus mehreren Ländern (USA, Dänemark, Wales, England) angesehen. Dabei stellten sie fest, dass es einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Masernfälle zu einem Zeitpunkt und den Todesfällen durch andere Infektionskrankheiten zwei bis drei Jahre später gab. Offenbar macht eine Masernerkrankung Kinder für einige Jahre anfälliger für andere Krankheiten, und vor allem für schwere Verläufe. Doch wie ist das möglich?

Das Masernvirus löscht die Erinnerung des Immunsystems aus

Es ist bekannt, dass viele Viren das Immunsystem ihres Wirts, also der infizierten Person, für einige Wochen nach der Infektion unterdrücken. Dadurch kann sich das Virus im Körper gut vermehren und möglichst viele andere Menschen infizieren. Das geschwächte Immunsystem ist auch der Grund dafür, warum man während oder nach einer Erkrankung anfälliger für weitere Infektionen ist. Fast alle Eltern kennen die Situation, dass nach einer Viruserkrankung des Kindes noch die Mittelohrentzündung oder eine Bronchitis hinterher kommt.

Es scheint allerdings so zu sein, dass das Masernvirus eine Fähigkeit hat, die andere Viren nicht haben: Es löscht die Erinnerung des Immunsystems an bereits durchgemachte Erkrankungen. Normalerweise merkt sich das Immunsystem, gegen welche Viren und Bakterien es schon eine Schlacht geschlagen hat und kann daher bei einer erneuten Infektion schnell die Abwehrarmee losschicken. Eine Masernerkrankung scheint diese Erinnerungen des Immunsystems jedoch auszulöschen: Das Immunsystem vergisst, was es schon einmal wusste – die Festplatte des Immunsystems wird sozusagen formatiert. Dieser Effekt hält nach Auswertung der Daten ganze zwei bis drei Jahre an – allerdings nur, wenn eine Masernerkrankung stattgefunden hat, nicht nach einer Masernimpfung.

Masernimpfung schützt das Immunsystem vor dem Gedächtnisverlust

Eine Masernimpfung verhindert also nicht nur eine Masernerkrankung, sondern schützt auch das Immunsystem davor, mehrere Jahre nur geschwächt agieren zu können. Dadurch werden schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle durch andere Krankheitserreger verhindert!

Übrigens prüften die Wissenschaftler auch, ob sich ein vergleichbarer Effekt bei anderen Krankheiten, z. B. Keuchhusten feststellen lässt. Das Ergebnis: Nur das Masernvirus ist so aggressiv.

 

Quelle:
Mina MJ, Metcalf CJ, de Swart RL, Osterhaus AD, Grenfell BT. Long-term measles-induced immunomodulation increases overall childhood infectious disease mortality. Science. 2015 May 8;348(6235):694-9. doi: 10.1126/science.aaa3662


DE/VAC/0472/15as, Mai17


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